Wieder fast wie neu

Markt

Retrofit - Der Maschinenbauer Weiler hatte bereits eine neue Flachschleifmaschine bestellt, die dann nicht geliefert werden konnte. Um keine Zeit zu verlieren, entschied sich Weiler, seine 24 Jahre alte Favretto MC/U 130 generalüberholen zu lassen.

24. März 2016
... und nach der Generalüberholung. Die geometrische Genauigkeit der Maschinen ist nach DIN 8632 Teil 1 abgenommen.
Bild 1: Wieder fast wie neu (... und nach der Generalüberholung. Die geometrische Genauigkeit der Maschinen ist nach DIN 8632 Teil 1 abgenommen.)

Obwohl die Favretto seit ihrer Inbetriebnahme 1992 mehrfach teilüberholt und die Hauptspindel neu gelagert wurde, zeigte sie zuletzt deutliche Verschleißerscheinungen. Die Mechanik, Antriebs- und Steuerungstechnik waren veraltet und stark abgenutzt. »Eine wirtschaftlich vertretbare und prozesssichere Fertigung auf der Höhe unserer Qualitätsstandards wurde zunehmend schwierig«, beschreibt Florian Stangl, Fertigungsleiter bei Weiler, die Situation. Daraufhin bestellte das Unternehmen eine neue Maschine, doch geriet der Hersteller in wirtschaftliche Schwierigkeiten und konnte nicht liefern.

»Leider gibt es nur sehr wenige Anbieter von Flachschleifmaschinen mit einem NC-gesteuerten Schwenkkopf wie unsere Favretto. Wir benötigen diese Ausstattung unbedingt, um die nötigen Zeichnungstoleranzen einhalten zu können«, erläutert der Leiter der Fertigung. Weiler schleift auf der Maschine Bett-, Plan- und Oberschlitten sowie Schwalbenschwanz-Schlittenführungen für seine Präzisionsdrehmaschinen.

Vierzig Prozent günstiger als neu

Als Alternative zum Kauf bot sich die Generalüberholung und Modernisierung der alten Maschine an. Hierfür sprachen die überschaubare Lieferzeit von rund fünf Monaten und der gegenüber einer Neuanschaffung um rund vierzig Prozent günstigere Preis. Vorteilhaft war außerdem, dass keine neuen Werkzeuge angeschafft werden mussten. Und da die Maschine wieder am selben Standort aufgebaut werden sollte, konnte sogar das gleiche Fundament verwendet werden.

Die Erwartungen unterschieden sich nicht von denen an eine Neumaschine, sagt der Fertigungsleiter: »Unsere Anforderungen waren, dass die Maschine nach ihrer Modernisierung hochpräzise, zuverlässig und prozesssicher arbeitet und Bedienung sowie Handling dem aktuellen Stand der Technik entsprechen.«

Mit WMS, der ehemaligen Wematech, hatte der Maschinenbauer ein erfahrenes Unternehmen an der Hand, mit dem man gute Erfahrungen beim Retrofit gemacht hatte, so Stangl: »Wir haben bereits eine Bettenschleifmaschine, eine Flammhärteanlage und eine Doppelkopffräsmaschine überholen lassen. Außerdem modernisiert WMS als unser Retrofit-Partner Drehmaschinen von Weiler.«

Komplette Modernisierung

Im Juni 2015 bauten die Mitarbeiter von WMS die Favretto MC/U 130 beim Auftraggeber ab und unterzogen die Flachschleifmaschine während der folgenden fünf Monate einer vollständigen Überholung und Modernisierung. »Wir haben die Maschine komplett zerlegt, übrig blieben nur das Maschinenbett, der Ständer aus Guss und der Schleifkopf«, beschreibt WMS-Betriebsleiter Franz Schragner den Umfang der Arbeiten.

Zuerst überholten die Techniker vollständig die Mechanik und erneuerten die Lager, Motoren, Antriebe und Spindeln. Das Ergebnis ist eine Präzision, die der einer Neumaschine entspricht, berichtet der Betriebsleiter: »Die geometrische Genauigkeit der Maschinen ist wie neu, die Favretto ist nach DIN 8632 Teil 1 abgenommen.«

Als Nächstes tauschten die WMS-Techniker sämtliche Hydraulikleitungen und die Aggregate für Öl und Kühlmittel aus. Dann bauten sie eine leistungsfähige Filteranlage sowie eine neue Absaugung ein. Schließlich waren die Elektrik und die Steuerungen an der Reihe. Hierzu wurde die Maschine mit einem neuen Schaltschrank ausgestattet, komplett neu verkabelt und anschließend mit einer Siemens Sinumerik 840D sl Maschinensteuerung und Siemens Sinamics Antriebstechnik ausgestattet.

Fehlende Teile werden gefertigt

WMS verwendet ausschließlich hochwertige Ersatzteile, erklärt Schragner. Schaltschränke wie auch Schutzumhausungen fertigte das Unternehmen dagegen selber. »Dank der mechanischen und elektrischen Konstruktion im Haus, einer eigenen Metall- und Blechbearbeitung sowie unserer Lackiererei können wir Retrofit und Modernisierungen vollständig aus einer Hand anbieten«, sagt der Betriebsleiter.

Außerdem müssen die WMS-Mitarbeiter bei alten Anlagen häufig fehlende Teile selber fertigen, da es oft weder Ersatzteile noch Maschinenzeichnungen oder Anleitungen gibt. Nachdem die Überholung abgeschlossen und alle Tests erfolgreich verlaufen waren, konnte die modernisierte Favretto im November 2015 bei Weiler in Emskirchen aufgebaut werden. Gemeinsam mit Technikern von Siemens wurde sie anschließend in Betrieb genommen.

Mit dem Ergebnis ist Fertigungsleiter Stangl sehr zufrieden: »Die Erwartungen der Bediener waren zwar hoch, wurden aber voll erfüllt, denn die Maschine arbeitet zuverlässig und präzise. Die neue Steuerung reagiert sehr schnell, die Programmierung ist ausgesprochen komfortabel.« Über die Netzwerkschnittstelle lässt sich die Maschine in die bestehende EDV-Infrastruktur integrieren. »Für große Maschinen mit komplexen Modernisierungen sind Lieferzeiten von fünf, sechs Monaten die Obergrenze, bei kleinen Drehmaschinen sind wir meist bereits nach sechs Wochen fertig«, umreißt der Betriebsleiter die Lieferzeiten bei WMS. Die Nachfrage nach Überholungen von Werkzeugmaschinen ist in den letzten Jahren stetig gewachsen.

Die Kunden stammen überwiegend aus dem Inland oder kommen aus dem europäischen Ausland, vereinzelt sogar aus Russland und der Ukraine. Dem Betriebsleiter zufolge umfassen rund vier Fünftel aller Aufträge die vollständige Modernisierung einer Maschine. Der Rest betrifft rein geometrische Überholungen, Reparaturen und den Bau von Schaltschränken.

Drei Jahrzehnte Erfahrung

Mehrere Hundert Maschinen hat WMS bereits überholt, denn das Unternehmen kann auf mehr als drei Jahrzehnte Erfahrung bei der Modernisierung insbesondere von spanabhebenden Maschinen zurückgreifen. Die 18 Mitarbeiter und vier Auszubildende bringen nahezu alle Fabrikate mechanisch und elektrisch auf den aktuellen Stand. Sie modernisieren veraltete CNC-Steuerungen und rüsten konventionelle Maschinen im Rahmen von Retrofit mit CNC-gesteuerten Antrieben für Spindeln, Achsen und Tischen aus. Referenzkunden sind der Maschinenbauer Leistritz, der Industriekonzern MAN, Siemens und Bosch.

Viele der Beschäftigten sind zwanzig Jahre und länger beim Unternehmen. »Ihr langjährig erworbenes Know-how und die kontinuierlichen Fortbildungen versetzen WMS erst in die Lage, Überholungen für nahezu alle Maschinentypen anbieten zu können«, erklärt Schragner. Gerne würde er zusätzliche Maschinenschlosser und Mechatroniker mit Erfahrung in der Maschinenüberholung einstellen, aber leider seien die schwer zu finden.

Erschienen in Ausgabe: 01/2016