»Instandhaltung kann einen wesentlichen Beitrag zur Ressourceneffizienz leisten.«

Anlagen-/Servicemanagement

Dr. Thomas Heller, Abteilungsleiter Anlagen- und Servicemanagement am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik, sprach im Interview mit i-Quadrat über Ersatzteilmanagement, Wissensmanagement, Trends und Industrie 4.0.

27. März 2013

Herr Dr. Heller, am Fraunhofer IML forschen Sie unter anderem zu Instandhaltungslogistik und beraten zudem Unternehmen bei Outsourcing-Projekten. Sehen Sie sich eher als Wissenschaftler oder eher als Dienstleister?

Auch als Forscher sehe ich mich in der Rolle eines Dienstleisters. Genauso wie bei konkreten Beratungsprojekten für Industrieunternehmen steht auch hinter einer Forschungsaufgabe ein Ergebnis, nur eben nicht für ein einzelnes Unternehmen, sondern in Fragen zum Beispiel der Ressourceneffizienz oder der Zukunftssicherheit die Gesellschaft als Ganzes. Für mich ist der Dienstleistungsgedanke auch deshalb so ausgeprägt, weil die Fraunhofer-Institute Forschung nicht im Elfenbeinturm betreiben, sondern für und gemeinsam mit Unternehmen. Gerade auf den Gebieten der Produktion und Instandhaltung sind die Forschungsfragen sehr anwendungsorientiert und können nur im Verbund mit Anwendern gelöst werden.

Aus welchen Industriezweigen kommen die Kunden, die Sie beraten?

Der Schwerpunkt liegt hier klar auf dem produzierenden Gewerbe, wobei es hier weder eine spezifische Branche noch einen Branchenschwerpunkt gibt. Die Automobilindustrie ist hier in gleicher Weise vertreten wie beispielsweise Chemie, Pharma oder Energieversorger. Neben den Anlagenbetreibern sind Instandhaltungs-Dienstleister, zunehmend aber auch Anlagenhersteller unsere Kunden. Insbesondere die Systematik des Total Productive Managements, TPM, ist gegenwärtig für viele Unternehmen interessant und die Einführung selten alleine zu bewältigen.

Wie kommen die Beratungsaufträge zustande?

Die Optimierung von Instandhaltung und Ersatzteilwesen wird von vielen Unternehmen mittlerweile als logistische Aufgabenstellung wahrgenommen. Da das Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik mit mehr als 200 Mitarbeitern die größte Logistik-Forschungseinrichtung in Europa ist, treffen viele Unternehmen bei der Suche nach einem geeigneten Partner häufig über eine Internet-Recherche auf unsere Angebote. Dabei ist die Reputation der Fraunhofer Gesellschaft sicherlich von Vorteil. Ebenso führen gemeinsame Projekte mit Kunden in anderen Bereichen der Logistik häufig zu einer Erweiterung in den Instandhaltungsbereich hinein.

Woran forschen Sie und Ihre Mitarbeiter momentan?

Ressourcenknappheit, demographischer Wandel und Globalisierung sind Themen, die auch die Instandhaltung betreffen. Instandhaltung kann einen wesentlichen Beitrag zur Ressourceneffizienz leisten, weil sie hilft, Produktionsanlagen effizient entlang des Lebenszyklus zu betreiben. Hier beschäftigen wir uns damit, Assistenzsysteme zu schaffen, die eine Entscheidungsfindung unterstützen. Zudem: Kaum ein anderes Fachgebiet lebt so sehr von individuellem Wissen wie die Instandhaltung. Dieses Wissen ist mit dem Weggang von Mitarbeitern oft unweigerlich verloren und wächst auf Grund des Fachkräftemangels nicht in gleicher Weise nach. Hier forschen wir an Möglichkeiten, dieses Wissen zu aufwandsarm zu konservieren und verfügbar zu machen. Instandhaltung ist zudem nicht ein isoliertes Thema, nur mit intelligenten Netzwerken aus Betreibern, Herstellern und Dienstleistern lässt sich die heute notwendige hohe Anlagenverfügbarkeit sicherstellen. Wir arbeiten auch daran, solche Netzwerke zu etablieren und zu gestalten.

Industrie 4.0 ist ein aktuelles Schlagwort. Welche Auswirkungen hat diese vierte industrielle Revolution auf die Instandhaltung?

Cloud-Computing, Cyber-Physical Systems und Smart Factories sind Schlagworte, die mit einer ›Intelligenzsteigerung‹ von Produktions- und Logistikanlagen verbunden sind. Mit Themen wie Zustandsüberwachung durch Condition-Monitoring, Netzwerken aus Betreibern, Herstellern und Dienstleistern und mobilen Systemen trägt auch die Instandhaltung ihren Teil dazu bei, dass Produkte sich zukünftig autonom durch die Produktion steuern können. Diese Themen sind zum Teil nicht neu, werden aber zum Beispiel durch Cloud-Computing, neue Sensortechnologien und autonome Steuerungen erstmals einen Einsatz über die Forschung hinaus in die Praxis ermöglichen. Innerhalb unseres Instituts gibt es dafür bereits eine Reihe guter Anschauungsobjekte.

Was gibt es hier noch zu?

Viele Ideen, die jetzt in Industrie 4.0 propagiert werden, sind im Bereich der Instandhaltung schon im industriellen Einsatz. Dabei denke ich vor allem an Condition-Monitoring-Systeme, die den Zustand der Anlagen abbilden und Stillstände verhindern sollen. Was noch fehlt, ist neben der Zuverlässigkeit der Auswertungen der ganzheitliche Gedanke. Die Informationen über den Zustand eines Wälzlagers oder die Schwingungsdaten einer Pumpe sind heute in der Regel nur lokal vorhanden. Mit der Hilfe der Cloud können Informationen innerhalb eines Betriebes oder sogar überbetrieblich verfügbar gemacht werden.

Mit der zunehmenden Datenmenge können auch Prognosen präziser werden. Dabei ist aber insbesondere unter dem Gesichtspunkt der Sicherheit noch eine Menge Forschungsarbeit erforderlich, wie jüngste Hackerangriffe auf Cloud-Netzwerke beweisen. Allerdings, bevor in allen Unternehmen die vierte industrielle Revolution vollzogen wird, ist noch viel Grundlegendes zu tun. Hier sind Elemente des TPM, etwa systematische vorbeugende Instandhaltung, kontinuierliche Verbesserung und Qualitätsmanagement, von großer Bedeutung und bieten vielen Unternehmen bei intelligenter Umsetzung erhebliche Potenziale.

Ersatzteilmanagement ist eines Ihrer Schwerpunktthemen. Welche Trends sehen Sie hier?

Nach wie vor fällt es vielen Unternehmen schwer, ihre Ersatzteilbestände zu ordnen. Die Problematik wird mittlerweile fast überall erkannt, dennoch stehen die benötigten Ressourcen für das Erfassen und ordnungsgemäße Lagern oftmals nicht bereit. Das ändert sich häufig erst, wenn die Optimierung des Ersatzteilwesens ein Bestandteil der Unternehmensziele wird. Insbesondere bei Konzernen werden häufig standortübergreifende Standards definiert, die das Ersatzteilwesen einschließen. Dabei würden mehr Unternehmen ihre Ersatzteilwirtschaft in Ordnung bringen, wenn sie die Kosten dafür mit den Such- und resultierenden Stillstandszeiten vergleichen würden. Ebenso spielt die Verlagerung nach extern eine zunehmende Rolle, nicht nur zu Dienstleistern, sondern auch in Richtung Anlagenhersteller.

Welche Lösungsansätze gibt es da?

Effizientes Ersatzteilmanagment ist nur über vollständige Stammdaten möglich. Es gibt allerdings noch keine überzeugenden Ansätze, dies zu automatisieren oder von Dienstleistern übernehmen zu lassen. Wir arbeiten gegenwärtig daran, zum Beispiel mit Hilfe von visuellen Systemen Ersatzteile automatisch zu identifizieren, stehen da aber noch am Anfang. Ein anderes Verfahren, das wir entwickelt haben, ist das risikobasierte Ersatzteilwesen. Es ermöglicht eine Berechnung des optimalen Bestands auf Basis des Vergleichs zwischen den Bestandskosten und den Kosten, die bei Nicht-Verfügbarkeit des Ersatzteils entstehen. Langfristig kann aber die effiziente Ersatzteilabwicklung nur gemeinsam zwischen Anlagenherstellern, Betreibern und Dienstleistern im Netzwerk gelöst werden.

Wie ist das Ersatzteilmanagement in Themen wie TPM oder Lean eingebettet?

Für die Optimierung des Ersatzteilwesens sind in vielen Unternehmen nur dann die notwendigen Ressourcen verfügbar, wenn sie in übergeordnete Systematiken wie Lean oder TPM eingebunden sind. Über den ganzheitlichen Ansatz wird erst deutlich, wie wichtig der Beitrag einer funktionierenden Ersatzteilwirtschaft zur Sicherstellung der notwendigen Anlagenverfügbarkeit und damit zum Unternehmenserfolg ist.

Gibt es eine Tendenz zur Fremdvergabe von logistischen Dienstleistungen im Bereich der Instandhaltung?

Ja eindeutig, mit dem Einzug der Instandhaltungs-Dienstleister in die Unternehmen sind auch logistische Tätigkeiten wie das Ersatzteilwesen auf Externe übergegangen. Aber die Risiken sind geblieben, insbesondere wenn Prozesse unklar und Schnittstellen nicht eindeutig beschrieben werden. Der Aufwand, der in der Vorbereitung einer Fremdvergabe eingespart wird, rächt sich häufig im Nachhinein, wenn die Anlagenverfügbarkeit leidet oder aufwendig nachgesteuert werden muss. Zudem droht der Verlust von Know-how, da Wissen in der Instandhaltung nur selten systematisch abgelegt wird.

Welche Rolle spielt somit das Wissensmanagement?

Gerade Instandhaltung ist extrem wissensintensiv, aber das Wissen ist häufig nur individuell in den Köpfen der Mitarbeiter vorhanden. Es fehlt häufig die Möglichkeit oder der Willen, das Wissen – gerade der altgedienten Instandhalter – im Unternehmen zu konservieren. Moderne Instandhaltungs-Planungssysteme bieten die Möglichkeit, Tätigkeiten zu dokumentieren und zu kategorisieren. Dennoch wird davon vielfach kein Gebrauch gemacht. Das führt dazu, dass Wissen immer wieder neu erworben werden muss, weil es nicht allgemein verfügbar ist.

Als Referent sprechen Sie in Ihren Vorträgen auch von einem World-Class-Ersatzteilwesen? Was genau ist darunter zu verstehen?

Es gibt nicht den einen richtigen Ablauf. Aber das Ersatzteilwesen muss seinen Teil dazu beitragen, die benötigte Anlagenverfügbarkeit sicher zu stellen. Dazu gehören nicht nur angepasste Bestände, sondern auch klar definierte Abläufe im Zusammenspiel mit Instandhaltung, Produktion, Einkauf und Lieferanten. Dazu habe ich 10 Bausteine definiert, die u. a. auch die Themen Schulung und kontinuierliche Verbesserung enthalten. Es geht darum, das Ersatzteilwesen so zu gestalten, dass es die perfekte Lösung in Verbindung mit den Unternehmenszielen darstellt.

Vita

Dr. Thomas Heller ist Leiter der Abteilung Anlagen- und Servicemanagement am Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik in Dortmund. Seit mehr als 15 Jahren leitet er Industrieprojekte, unterstützt Unternehmen beratend und referiert regelmäßig über seine Praxiserfahrungen in den Bereichen TPM, Instandhaltung und Ersatzteilwesen. Die Verfügbarkeit von Produktionsanlagen durch passende Instandhaltungs- und Ersatzteilstrategien steht dabei ebenso im Fokus wie klassische Logistikthemen wie Lagerplanung und Prozessoptimierung.

Erschienen in Ausgabe: 01/2013