»Die künstliche Intelligenz übernimmt den Job des Aufpassers.«

Predictive Maintenance - Neuron soundware hat ein System zur akustischen Diagnose von Maschinen und Anlagen entwickelt. Geschäftsführer Pavel Konečný erklärt, wie sich mit dem System Wartungs- und Reparaturkosten senken lassen.

11. September 2019
rpt
(Quelle: Neuron soundware)

Herr Kone?ný, wie funktionieren die von Ihnen entwickelten akustischen Diagnosesysteme genau?

Mit der Neuron-soundware-›nBox‹ werden externe Akustiksensoren angebracht. Die Box nimmt auf zwölf Kanälen simultan die Geräusche und Vibrationen von Motoren, Maschinen oder Anlagen auf und wertet sie in Echtzeit aus. Die Algorithmen für diese Analyse können direkt in die jeweiligen IoT-Anlagen integriert werden oder extern in der Cloud arbeiten. Darüber hinaus bieten wir mit ›nCard‹ eine Lösung ›to go‹ an. Dahinter versteckt sich eine abgeschirmte Soundkarte, die mit Android-Geräten verbunden wird und jederzeit und überall hochwertige Audioaufnahmen garantiert. Mit dieser Lösung lassen sich Maschinen und Anlagen auch in schwer zugänglichen oder außergewöhnlichen Einsatzszenarien überwachen.

Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz dabei?

Unsere künstliche Intelligenz lernt oder weiß sogar bereits, wie die gesunde Version einer Pumpe, eines Getriebes, Zylinders, Motors oder Kompressors klingt. Diese regulären Geräusche einer unauffälligen Maschine oder Anlage sind in unserer Datenbank gespeichert. Die künstliche Intelligenz übernimmt nun den Job des ständigen Aufpassers und unterscheidet Problemgeräusche vom normalen Prozessbrummen – auch bei lauten Umgebungsgeräuschen. Eine Aufgabe, die das menschliche Gehör niemals leisten könnte.

Wie profitieren Industrieunternehmen konkret vom Einsatz Ihrer Systeme?

Durch den Einsatz dieser Technologie überwachen Industriekunden ihre Maschinen und Motoren kontinuierlich aus der Ferne. Zudem senkt der Einsatz des Systems Wartungs- und Reparaturkosten deutlich, indem es auftretende Probleme frühzeitig erkennt. Sogar dem Totalausfall von Anlagen oder Motoren kann oftmals vorgebeugt werden. Außerdem verhindern Unternehmen Qualitätsprobleme während des Produktionszyklus. Hinzu kommt einfach die beruhigende Gewissheit, dass mit einer Maschine oder Anlage alles in Ordnung ist. Nehmen wir zum Beispiel Blockheizkraftwerke: Diese Anlagen sind wartungsintensiv und ein Ausfallen oder vorzeitiger Verschleiß ist nicht nur ärgerlich, sondern vor allem kostspielig. Schnell übersteigen Reparaturkosten und verlorene Produktionszeit mehrere Hunderte von Euro pro Stunde. Mit intelligenter Predictive Maintenance kann dem vorgebeugt werden.

In welchen Branchen haben sich Ihre Systeme bereits bewährt?

Die Neuron-soundware-Technologie eignet sich für eine Vielzahl von Industrien und ist bereits bei Automotoren, Weichenantrieben, Windanlagen, Rolltreppen und in der Energieerzeugung im Testeinsatz. So konnte Neuron soundware beispielsweise Fahrtreppen an Bahnhöfen der Deutschen Bahn hinsichtlich des Zustandes ihres Antriebsmotors überwachen. Außerdem kam Neuron soundware Soft- und Hardware bei Siemens Mobility zum Testeinsatz, um den Zustand von Antrieben zu analysieren und dem teuren Ausfall von Zügen vorzubeugen. Darüber hinaus sind wir bereits bei anderen Großkunden wie Daimler, BMW, Innogy, E.ON, Airbus und LG tätig.

Gibt es technische Grenzen für den Einsatz Ihrer akustischen Diagnosesysteme?

Wir sehen uns in der Regel eher mit geschäftlichen als mit technischen Grenzen konfrontiert. Technisch gesehen kann unser Team die meisten Probleme lösen. Aber manchmal macht die Lösung für einen bestimmten Anwendungsfall einfach keinen wirtschaftlichen Sinn. In einigen Fällen könnte die Datenerfassung zu kostspielig und langwierig sein. Oder manchmal erkennen wir, dass der Geschäftsnutzen eigentlich zu gering ist, um weiterzumachen. Unsere Technologie eignet sich derzeit am besten für Großmaschinen und kritische Infrastrukturen, in denen relevante Einsparungen bei der Wartung und die Reduzierung von Produktionsausfällen realisiert werden. Mit zunehmender Erfahrung unsererseits und sinkenden Hardwarekosten steigt jedoch die Anwendbarkeit unseres Systems, sodass künftig noch ganz andere Einsatzszenarien denkbar sind.

Wie ist Ihr Unternehmen entstanden, und wohin soll es sich entwickeln?

Die Idee zu Neuron soundware kam mir und meinem Mitgründer Pavel Klinger durch eine Autopanne unserer Freunde: Während einer Autofahrt wunderten sich diese über komische Motorgeräusche. Beunruhigt hielten sie an einer Werkstatt an, doch die Mechaniker fanden keinen Fehler und ließen sie weiterfahren. Nach wenigen Kilometern jedoch blieb der Wagen liegen – hätten unsere Freunde mal lieber auf ihr Bauchgefühl gehört. Als sie uns diese Geschichte erzählten, kam uns die zündende Idee zu Neuron soundware. Also gründeten wir 2016 unser Unternehmen, sammelten Geld ein, wurden von Vodafone als ›Idea of the Year 2016‹ ausgezeichnet und starteten erste Pilotprojekte. 2017 wurden wir in das Airbus-Bizlab-Accelerator-Programm aufgenommen und erst in diesem Jahr folgte ein weiteres Investment in Höhe von 5,75 Millionen Euro. Aktuell beschäftigen wir 20 Experten und konzentrieren uns darauf, unsere Technologie zu skalieren. Dafür stellen wir in unserer Prager Zentrale neue Mitarbeiter ein und planen die Eröffnung eines Vertriebsstandortes in Deutschland, um hier lokale Großkunden noch besser zu bedienen. Neben dem Direktvertrieb wollen wir auch unser Partnernetzwerk in Europa, dem Mittleren Osten und in Asien weiter ausbauen.

Erschienen in Ausgabe: 02/2019
Seite: 14 bis 15