»Die COG ist in erster Linie eine Austausch-Plattform.«

Obsoleszenz

Ulrich Ermel, Vorstandsvorsitzender der Component Obsolescence Group Deutschland e.V. (COG), erklärt im Interview, welche Brisanz das Thema Bauteile-Obsoleszenz birgt und mit welchen Maßnahmen auf die drohende Veralterung eines Produktes reagiert werden kann.

24. März 2014
Ulrich Ermel  ist bei der TQ-Gruppe in Seefeld als Geschäftsbereichsleiter der Business Unit TQ Embedded tätig. Zudem verantwortet er die zentrale Fachabteilung Obsolescence Management der TQ Gruppe. Seit 2010 ist Ermel Vorstandsvorsitzender der europäischen Non-Profit-Industrievereinigung ›Component Obsolescence Group‹.
Bild 1: »Die COG ist in erster Linie eine Austausch-Plattform.« (Ulrich Ermel ist bei der TQ-Gruppe in Seefeld als Geschäftsbereichsleiter der Business Unit TQ Embedded tätig. Zudem verantwortet er die zentrale Fachabteilung Obsolescence Management der TQ Gruppe. Seit 2010 ist Ermel Vorstandsvorsitzender der europäischen Non-Profit-Industrievereinigung ›Component Obsolescence Group‹.)

Die COG ist ein deutscher Industrieverein mit derzeit 107 Mitgliedern. Wir sind Teil einer europäischen Organisation mit Hauptsitz in Großbritannien. Bei der COG geht es ausschließlich um das Thema: »Wie stelle ich sicher, dass für die Fertigung und spätere Instandhaltung benötigte elektronischen Bauteile möglichst langfristig verfügbar sind?« Wichtige Fragen in diesem Zusammenhang sind beispielsweise »Welche Hersteller garantieren eine langfristige Verfügbarkeit ihrer Produkte?« und »Was muss man bei welchem Hersteller beachten?«. Die Mitglieder tauschen sich über ihre Erfahrungen aus, die sie diesbezüglich gemacht haben, und versuchen so, ihr eigenes Obsolescence-Manangement kontinuierlich weiter zu optimieren.

Welche Brisanz birgt die Obsoleszenz?

Obsolescence-Management wird immer wichtiger, weil die Lebenszyklen vieler Komponenten leider immer kürzer werden. Mit jeder Änderung in der Welt der Endverbraucher-Elektronik ist meist auch in irgendeiner Form eine kleine Änderung im Industrieelektronik-Segment verbunden. Problematisch ist dabei vor allem die unglaubliche Geschwindigkeit, mit der heutzutage immer leistungsfähigere Smartphones, Tablet-PCs, Smartwatches, Flachbildfernseher et cetera auf den Markt kommen. Viele Hersteller elektronischer Bauelemente sind dadurch gezwungen ihr Produktportfolio wesentlich schneller als früher zu konsolidieren. Dadurch wird die Situation eher drastischer als entspannter.

Welchen Service bietet die COG dabei ihren Mitgliedern?

Die COG ist in erster Linie eine Plattform, auf der man sich mit Gleichgesinnten austauschen kann. Es geht vielleicht ein bisschen in Richtung Selbsthilfegruppe. Man kann hier unheimlich viel über effizientes Obsolescene-Management lernen und fast noch wichtiger: Es wird sich bei uns auch untereinander geholfen, wenn es um die Lösung gemeinsamer Probleme geht. So laden wir zu unseren regelmäßig stattfindenden überregionalen Quartalsmeetings neben renommierten Referenten aus verschiedensten Fachbereichen beispielsweise auch immer wieder Halbleiterhersteller und Distributoren ein, denen wir bei dieser Gelegenheit im direkten Dialog vermitteln wollen, was für unsere Mitglieder wichtig ist und was wir für die Zukunft brauchen. Somit hat die Arbeit der COG sicherlich da auch eine gewisse strategische Bedeutung.

Wie verhält es sich dabei mit der Mitgliederstruktur?

Bei der Mitgliederstruktur achten wir darauf, dass ungefähr die Hälfte Lösungen anbietet im Obsolescence-Bereich und die andere Hälfte Unternehmen sind, die Lösungen suchen. Das Ganze hat einen sehr lösungsorientierten fachlichen Charakter. Das ›Best-Practice‹-Prinzip gilt bei uns wahrscheinlich mehr als in jedem anderen Industrieverband. Deswegen bedarf es dieser Aufteilung.

Welche Strategien gibt es, auf Obsoleszenz zu reagieren?

Obsolescence-Management basiert auf drei Säulen. Es gibt den reaktiven, den proaktiven und den strategischen Ansatz. Der reaktive Ansatz ist gewissermaßen ein Feuerlöschen. Dieser trifft zu, wenn festgestellt wird, dass ein Bauteil bereits abgekündigt ist. Dann geht es darum, schnell zu reagieren. Möglichkeiten sind, nach Alternativen zu suchen oder das Bauteil auf Lager zu legen – eben alles, was einem ad hoc einfällt. Der proaktive Ansatz sieht etwas anders aus. Dabei wird schon frühzeitig, also lange bevor etwas abgekündigt wird, nach möglichen Alternativen eines Bauteils geschaut. Wir empfehlen unseren Mitgliedern, bei Projekten mit langen Laufzeiten auf jeden Fall mit einem Obsolescence-Management-Plan zu arbeiten. Dieser umfasst beispielsweise eine kontinuierliche Stücklistenanalyse, bei der mittels Product Change Notifications und End-of-Life-Daten die Verfügbarkeit der einzelnen Komponenten überwacht wird. Wichtig ist, sich möglichst schon während der Evaluierungsphase eines neuen Produktes zu überlegen, wo welche Risiken bestehen und was sich im Vorfeld machen lässt, um diese Risiken zu minimieren. Bei der Elektronik fängt die Instandhaltung quasi schon an, bevor man ein Problem hat.

Welches Konzept steckt hinter dem strategischen Obsolescence-Management?

Dazu gehört all das, was das Unternehmen generell präventiv unternehmen kann, um nicht in die Obsolescence-Falle zu tappen. So werden beim strategischen Obsolescence-Management beispielsweise alle Meldungen über Abkündigungen von Bauteilen gesammelt und ausgewertet. Die sich daraus ergebenden Informationen werden dann monatlich an die Entwicklungsabteilung weitergegeben. Ins strategische Obsolescence-Management fallen aber beispielsweise auch Partnerschaften mit Lieferanten, die bei einer Abkündigung sicherstellen, dass der benötigte Baustein in vorher festgelegten Quantitäten über einen definierten Zeitraum weiterhin vorgehalten wird. Bei der COG lernen Unternehmen, dass sie auch als kleiner deutscher Mittelständler mit bestimmten Distributoren durchaus eine Regelung treffen können, damit dieser für zehn Jahre bestimmte Bauteile für sie vorhält.

Vita

Ulrich Ermel ist bei der TQ-Gruppe in Seefeld als Geschäftsbereichsleiter der Business Unit TQ Embedded tätig. Zudem verantwortet er die zentrale Fachabteilung Obsolescence Management der TQ Gruppe. Seit 2010 ist Ermel Vorstandsvorsitzender der europäischen Non-Profit-Industrievereinigung ›Component Obsolescence Group‹.

Erschienen in Ausgabe: 01/2014