Der Energie die Gefahr nehmen

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Software - Wenn Energie unbeabsichtigt oder unkontrolliert freigesetzt wird, bedeutet das Gefahr für Mensch und Maschine. Um Maschinen bei der Wartung als sicher einstufen zu können, müssen sie daher nicht nur von allen Energiequellen getrennt sein; es muss auch sichergestellt werden, dass die Maschine durch gespeicherte Energie nicht unerwartet anläuft oder Maschinenteile sich nicht unerwartet bewegen. In den USA sind deshalb sogenannte Lockout-Tagout-Programme vorgeschrieben. Immer häufiger kommen sie auch in Deutschland und Europa zum Einsatz.

11. September 2018
Es gibt viele Energiequellen, die ein potenzielles Risiko für Industriearbeiter darstellen können. Aus diesem Grund fordern die US-amerikanische Bundesrichtlinie 29 CFR 1910.147 und die europäischen Arbeitsplatzrichtlinien, dass Maschinen und sonstige Arbeitsausrüstung von der Energiezufuhr getrennt werden und so gesichert sind, dass ein versehentliches Wiedereinschalten ausgeschlossen ist. Quelle: Pilz GmbH & Co. KG
Bild 1: Der Energie die Gefahr nehmen (Es gibt viele Energiequellen, die ein potenzielles Risiko für Industriearbeiter darstellen können. Aus diesem Grund fordern die US-amerikanische Bundesrichtlinie 29 CFR 1910.147 und die europäischen Arbeitsplatzrichtlinien, dass Maschinen und sonstige Arbeitsausrüstung von der Energiezufuhr getrennt werden und so gesichert sind, dass ein versehentliches Wiedereinschalten ausgeschlossen ist. Quelle: Pilz GmbH & Co. KG)

Besonders gefährlich sind die Phasen Instandhaltung und Wartung. Dort ereignen sich nach Untersuchungen der Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BGHM) im Vergleich zur Produktion deutlich mehr tödliche Arbeitsunfälle. In Deutschland gelten für diese Instandsetzungs- und Wartungsarbeiten an Maschinen (=Arbeitsmittel) die Vorgaben der Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV). Relevant ist §10 ›Instandhaltung und Änderung von Arbeitsmitteln‹.

In Absatz 3 ist dort festgehalten, dass der Arbeitgeber alle erforderlichen Maßnahmen zu treffen hat, damit Instandhaltungsarbeiten sicher durchgeführt werden können. Weiterhin finden in Deutschland die fünf Sicherheitsregeln nach DIN VDE 0105-100 als grundlegende Regeln für das sichere Arbeiten an elektrischen Anlagen Anwendung: 1.Freischalten, 2.Gegen Wiedereinschalten sichern, 3.Spannungsfreiheit feststellen, 4.Erden und Kurzschließen, 5.Benachbarte, unter Spannung stehende Teile abdecken oder abschranken.

Die USA sind konkreter

Konkretere Vorgaben zur Umsetzung macht die BetrSichV nicht. Anders in den USA: Die Occupational Safety and Health Administration (OSHA), eine Abteilung des Arbeitsministeriums der USA, definiert gefährliche Energien und beschreibt, wie mit ihnen umzugehen ist. Im Detail bestimmt die US-amerikanische Bundesrichtlinie 29 CFR 1910.147, dass Maschinen und sonstige Arbeitsausrüstung in speziellen Betriebsarten wie Reinigung, Wartung und Instandhaltung von der Energiezufuhr getrennt werden und so gesichert sind, dass ein unerwartetes Einschalten, ein unerwarteter Anlauf von Maschinen und Ausrüstungen oder die Freisetzung gefährlicher Energie ausgeschlossen ist. Die Vorgaben werden dort unter dem Begriff ›LoTo‹ (Lockout-Tagout, also Wiedereinschaltsperre und Kennzeichnung) zusammengefasst.

Energiequellen unter der Lupe

Auch wenn mit ›LoTo‹ häufig die Trennung von elektrischer Energie gemeint ist, ist für alle Energiearten zu untersuchen, ob die Wiedereinschaltsperre/Kennzeichnung anzuwenden ist. Energie kann auch zum Beispiel gespeichert werden in mechanischen Teilen, die sich aufgrund der Massenträgheit weiterbewegen – zum Beispiel bei vertikalen Achsen –, in Kondensatoren, Akkumulatoren, in unter Druck stehenden Flüssigkeiten und Gasen sowie in Federn.

Wenn gespeicherte Energie Gefahren verursachen kann, müssen Einrichtungen für die Ableitung oder Rückhaltung der gespeicherten Energie in die Maschine integriert werden. Beispiele für solche Einrichtungen sind Widerstände (zur Entladung von elektrischen Kondensatoren) oder Ventile mit entsprechender Leitungsentlüftung.

Sperren und…

›LoTo‹ besteht zum einen aus einer physikalischen Sperre. Das kann ein Hauptschalter sein oder eine Trenneinrichtung, mit der die Übertragung oder Freisetzung von Energie physikalisch verhindert wird. Hinzu kommt ein ›persönliches‹ Sicherheitsschloss. Ein Schloss also, das einer Person übergeben wird, damit diese einen Hauptschalter in der Stellung ›AUS‹ oder ein Ventil in einer festen, geschlossenen Stellung sperren kann. Die Sperre stellt sicher, dass ein Bediener die Maschine nicht willkürlich wieder starten kann, und sie verhindert somit das Freisetzen von Energie oder das Auslösen einer Bewegung. Die Maschine kann nur dann wieder betrieben werden, nachdem die Sperre ordnungsgemäß gelöst wurde.

…kennzeichnen

›LoTo‹ umfasst daneben auch die entsprechende Kennzeichnung der Trenneinrichtung über ein Schild oder einen Anhänger am Schloss: Warum sind die Ausrüstungen gegen Wiedereinschalten gesichert bzw. entsprechend gekennzeichnet? Wer hat ›LoTo‹ genehmigt? Wer hat ›LoTo‹ durchgeführt? Wie lange dauert die Sperrung? Bei wem sind weitere Informationen erhältlich? Bei ›LoTo‹ geht es jedoch nicht nur darum, ein Schloss und ein Hinweisschild anzubringen. Es ist ein umfassendes Programm, das weitreichend in das Unternehmen und den Umgang mit Maschinen eingreift. Das Ziel ist ein Prozess, mit dem unter normalen Betriebsbedingungen und unter anderen vorhersehbaren Bedingungen der sichere Umgang mit gefährlichen Energiequellen gewährleistet ist.

Wie immer im Bereich Maschinensicherheit ist der erste Schritt eine Beurteilung der vorhandenen Maschinen und Energien. Konkret gehört dazu die Ermittlung und Beurteilung von Risiken und Gefährdungen, die Ermittlung von Quellen gefährlicher Energie, die Bestimmung der Trennpunkte und die Festlegung zusätzlicher erforderlicher Maßnahmen (wie zum Beispiel Entlüftungen oder Bremsen).

Schritt für Schritt

Ebenfalls zu Beginn des ›LoTo‹-Prozesses ist festzulegen, welche Personen für ›LoTo‹ verantwortlich und welche Personen an ›LoTo‹ beteiligt sind. Es ist zu klären, welche Erlaubnisse und Freigaben für die Arbeiten erforderlich sind.

Danach gilt es, einen auf die individuellen Bedürfnisse des Unternehmens zugeschnittenen ›LoTo‹-Prozess zu erstellen. In diesem werden die einzelnen Schritte, die Zuständigkeiten und so weiter beschrieben. In der Regel besteht eine ›LoTo‹-Prozedur aus den folgenden Schritten:

1.Beurteilung und Vorbereitung der an der Maschine durchzuführenden Aufgabe/Arbeit

2.Übergabe der Ausrüstung: Die Ausrüstung (Lock & Tag) kann zentral (Meister) oder auch dezentral (Instandhalter) verwaltet werden.

3.Energie trennen und Wiedereinschaltsperre plus Kennzeichnung anbringen

4.Prüfung von Punkt 3

5.Durchführung der Aufgabe, wie zum Beispiel Wartung

6.Genehmigung zur Freigabe und Aufhebung der Trennung

7.Aufhebung der Trennung durch Entfernen der Wiedereinschaltsperre sowie der Kennzeichnung

8.Prüfung

9.Rückgabe der Ausrüstung

Die Trennung von einer Energieversorgung muss sichtbar sein (sichtbare Unterbrechung der Energieversorgungskreise) oder durch die eindeutige Position der Handsteuerung (Aktuator) der Trenneinrichtung angezeigt werden.

Softwareunterstützte Dokumentation

Bei der Dokumentation von Lockout-Tagout-Prozessen können Software-Tools wie ›PASloto‹ von Pilz unterstützen und so Maschinen sicher energiefrei geschaltet werden: Damit können Tätigkeitsbeschreibungen für den Umgang mit gefährlichen Energiequellen einfach erstellt und dokumentiert werden. Mithilfe der Software ›PASloto‹ können ›LoTo‹-Berichte erstellt und die unternehmenseigenen ›LoTo‹-Regeln geprüft werden. ›PASloto‹ erstellt das Plakat zur Dokumentation der gesamten ›LoTo‹-Prozedur einer Anlage und ermöglicht es, Fotos der Maschine und der Energiequellen zum Lockout-Tagout-Plakat hinzuzufügen.

Mitarbeiterschulung essenziell

Für den Erfolg entscheidend ist, dass das Personal in diesem Verfahren geschult worden ist. Dies gilt unabhängig von der jeweiligen Rolle im Unternehmen, da alle Mitarbeiter verstehen müssen, wofür ›LoTo‹ steht. Befugte Mitarbeiter benötigen ein intensives Training, beteiligte Mitarbeiter müssen über ›LoTo‹ informiert sein und dürfen keine Wiedereinschaltversuche unternehmen. Weitere nicht direkt am Vorgang beteiligte Mitarbeiter müssen die Bedeutung einer Absperrung kennen und auch Mitarbeiter von Fremdfirmen müssen bei den Schulungen berücksichtigt werden. Das Verfahren ist im gesamten Unternehmen zu implementieren.

Schließlich muss das System laufend überwacht und überprüft werden, um zu gewährleisten, dass es ordnungsgemäß funktioniert und alle Elemente erfasst werden. Darüber hinaus kann eine vorausschauende Erkennung von Mängeln und Schwächen von Trennsystemen das Implementieren von Korrekturmaßnahmen optimieren. Zusätzlich soll die Reaktionsfähigkeit bei Vorfällen ermittelt werden und in welcher Beziehung diese Vorfälle zu organisatorischen Veränderungen stehen.

Das Feedback von allen Beteiligten zur Effektivität und Zweckmäßigkeit des (›LoTo‹-)Prozesses sollte laufend ausgewertet werden. Das fließt dann in die kontinuierliche Prozessverbesserung ein.

Komplettpaket für ›LoTo‹

Bei der Umsetzung kann das Automatisierungsunternehmen unterstützen: Pilz bietet ein Komplettpaket für ein ›LoTo‹-System, das aus zwei Stufen besteht: Lockout-Tagout-Analyse und individuelle Lockout-Tagout-Verfahrensentwicklung. Sicherheitsexperten von Pilz unterstützen Unternehmen bei der Beurteilung von bestehenden ›LoTo‹-Programmen, damit hinreichender Schutz der Mitarbeiter gewährleistet ist.

Zwar ist nach europäischem Recht ein Lockout-Tagout-Programm rechtlich nicht verpflichtend, jedoch können so die Vorgaben der BetrSichV durch ein ›LoTo‹-Verfahren erfüllt werden. Die wachsende Zahl an Unternehmen weltweit, die ›LoTo‹-Verfahren einsetzen, zeigt auch, dass die Industrie den zahlreichen Best-Practice-Beispielen folgt.

Erschienen in Ausgabe: 02/2018